Berichte
  Blau das Meer – Weiß die Felsen – Grün die Macchia
Herbstliche Tour in der Kvarner Buch
 
Zuhause schickt der Herbst erste Vorboten, 700km südöstlich herrscht schönstes Badewetter bei 22 Grad Wassertemperatur. Die Nächte sind lau, aber leider schon recht lange. Wer zwei Inseln umrunden will, muss also früh aufstehen und ordentlich Wasser schaufeln. 

Natürlich dauert es wieder Stunden, bis die Boote randvoll bepackt sind. Die Abwägung zwischen Essen, Klamotten, Freizeit, Sicherheit ist schwierig, da man nie weiß, wie sich das Wetter entwickeln wird. Da Sicherheit vor geht, muss die neue Schnorchelausrüstung und manches kulinarische Leckerli leider im Auto bleiben.

Die erste Etappe führt vom Campingplatz Cres (sprich „Zress“) in südwestlicher Richtung zum kleinen Fischerort Valun. Das Meer ist ruhig, die Sonne brennt und vor uns machen ganze Fischschwärme Freudensprüge im glitzernden Sonnenlicht. An der zerklüfteten Küste ziehen terrassenförmige Olivenhaine vorüber, eingegrenzt durch Steinmauern, die sonnengegerbte Olivenbauern über die Jahrhunderte wagemutig aufgeschichtet haben. Die Felsen, die aus dem Meer ragen, sind äußerst scharfkantig und machen ein Anlanden nur dort möglich, wo kleine Buchten einigermaßen flach ins Meer abfallen.

In Valun sitzen die letzten Touristen auf der Terrasse des Restaurants. Ansonsten wirkt das kleine Fischerdorf bereits bereit für den touristischen Winterschlaf: der kleine Zeltplatz verwaist, nur ein paar einheimische Kinder baden mit Blick auf den malerischen Ort.



Entlang der Nordseite der Valuner Bucht paddeln wir bis zum Kap Pernat. Nun nimmt in südwestlicher Route der Wind und die Dünung zu. Doch wenige Kilometer nach dem Kap finden wir eine wunderbare Bucht von geradezu karibischer Schönheit. Was aus der Ferne wie weißer Sandstrand aussieht, entpuppt sich zwar als grober Kies, das tut aber dem idyllischen Ort keinen Abbruch. Bevor wir die Zeltheringe in das Gestein klopfen, tauchen wir im glasklaren Wasser ab und spülen Schweiß und den dezenten Neoprengeruch vom Körper. Bereits um 19 Uhr wird es dunkel. Aber ein kleines Lagerfeuer und tausend glitzernde Sterne geben ausreichend Helligkeit zum Kochen. Und kurze Zeit später taucht der Vollmond unser exquisites Lager in sanftes Abendlicht: Das bietet kein Luxus-Romantik-Hotel! 

Wir verlassen unseren herrlichen Übernachtungsplatz erst gegen Mittag und paddeln auf langer Dünung südwestlich Richtung Martinscica. Zwischen hohen Küsten tauchen immer wieder schöne Buchten auf. In jahrhunderte langer Arbeit hat das Meer Höhlen und Grotten in die steilen Kalk-Felsen gegraben. Am bekanntesten ist wohl die geheimnisvolle „Blaue Grotte“ in der Zanja-Bucht. Vorsichtig fahren wir in die Tiefen des ausgehölten Gesteins. Unsere Boote werden gegen die niedrige Decke gehoben und knallen gegen die engen Wände.

400 m über der in der Mittagssonne strahlend Blau leuchtenden Grotte thront auf einem Felsplateau die 3500 Jahre alte Fluchtburgsiedlung „Lubenice“. Die kleine Ansammlung von Natursteinhäusern hat viel Flair und bietet einen fantastischen Ausblick auf die Bucht, die Inseln und das nördliche Istrien. Über einen Fußweg kann der Ort in 50 Minuten erreicht werden. (Alternativ fährt man von Cres über Valun auf schmaler, steinmauergesäumten Straße.)

lubenice

Wir erreichen am frühen Abend Slatina, den Campingplatz von Martinscica. Hier können wir im Schein der Straßenlaternen aufbauen und auf das letzte geöffnete Restaurant in dem kleinen Ort zurückgreifen. Die Karte bietet neben Fisch die bekannten Fleischgerichte: Raznjici, Cevapcici, Pljeskavica. Kaum Sitzen wir, beginnt die Gostiona (Gasthaus) auch schon zu Schwanken: Nachwirkung der vielen Stunden auf dem Meer. Doch nach der Stärkung und begleitendem Genuss von einheimischem Pivo, wird man von sich selbst in den Schlaf geschaukelt.

Heute kommen wir tatsächlich deutlich früher ins Boot. Zusätzlich verkürzen wir die Tagesstrecke, indem wir die tiefe Ustrine-Bucht in großzügigem Abstand queren. Zu großzügig - so direkt nach dem Kaffee. Denn zum einen sieht man eventuelle Anladestellen schlecht, zum anderen dauert es ziemlich lange, um zu einem 3 km entfernten Pinkelplatz zu paddeln. Natürlich haben erfahrene Seekajakfahrer für solche Notfälle einen „Uribag“ dabei – aber zuunterst in der hinteren Gepäckluke nützt der Gummibeutel reichlich wenig. Also ist ein Paddelspurt angesagt, bei dem die Hälfte der überschüssigen Flüssigkeit bereits über die Schweißporen austreten kann. Aber auch wenn man den Notfallbeutel griffbereit verstaut hat: seine Benutzung sollte vorab geübt werden. Im schaukelnden Boot erweist sich das „Gewurstel“ als äußerst wackelige Angelegenheit, die schon mal in die Hose gehen kann...

Der heutige Tag ist trüb, aber trocken und der Gegenwind weht mit 3 Beaufort. Undurchdringlich ist die Maccia, die sich die Berghänge hinaufzieht. Was in dieser trockenen, kargen Landschaft wächst, wehrt sich mit Stacheln gegen das Gefressenwerden durch die wenigen Schafe: Dornenginster, Kreuzdorn und rosenartige Sträucher. Steinmauern ziehen grenzende Linien und bringen ein wenig Struktur in die wilde Landschaft.

Wir passieren den markanten Leuchtturm Galijola und nehmen Kurs auf den höchsten Berg der Inseln, den 589m hohen Televrina, der sich südlich von Osor aus dem Meer erhebt.

In den Buchten stehen Fischer in ihren kleinen Booten und ziehen an dünnen Angelschnüren. Es mutet archaisch an, dass sie außer der Schnur keine Hilfsmittel einsetzen und die Fische einzeln fangen. Natürlich sieht man auch viele Fischreusen und abendlich Fischerboote, die ihre Schleppnetze ziehen.

Am Kap Osor schwenken wir nach Osten auf die Schnittstelle zwischen den beiden Inseln zu und erkennen bald die Ruine des ehemaligen Benediktinerklosters von Osor aus dem 11. Jahrhundert. Der 12 m breite und 150m lange Kanal soll (spätestens) von den Römern geschaffen worden sein und verlieh Osor bis ins späte Mittelalter seine große Bedeutung. Heute leben die 100 Bewohner des Städtchens hauptsächlich vom Tourismus. Täglich um 9 Uhr und um 17 Uhr gibt die Drehbrücke den Seglern den Weg frei, auch heute warten einige Boote kurz vor 17 Uhr auf Durchlass.

Da der Campingplatz Bijar schon geschlossen hat, schlagen wir unsere Zelte im nahen Kiefernwald auf. Ein wunderbares Schauspiel liefern uns beim Abendessen selbstleuchtende Fische, die sich wie große schwimmende Glühwürmchen in Ufernähe tummeln.



Osor erweist sich als pitoresker kleiner Ort und lohnt auf jeden Fall eine Erkundung. Die Musik- und Museumsstadt strahlt mit Skulpturen, engen Gassen und seiner Kathedrale viel Charme aus.

Wir wechseln auf die Nordseite der Insel Losinj (sprich „Loschin“) und paddeln bei herrlichem Wetter Richtung Osten im Losinjski Kanal. Die Insel Losinj ist milder und grüner als Cres, da sie von den kalten Nordwinden geschützt ist. Die vielen Buchten müssen wir teilweise abkürzen, um die heutigen 25 km zu schaffen. In Nerezine, früher ein bedeutender Ort des Schiffbaus, wird sinnigerweise ein alter, rostiger Schiffsrumpf als vorgeschobener Wellenbrecher der Mole recycelt.




Schroffe, von Wellen und Wind bizarr geformte Felsen, die aus dem azurblauen oder türkisfarbenen Wasser herausragen, begleiten uns auch heute. Entlang dieses Küstenabschnitts finden wir kaum Anlandestellen, was aber kaum an der parallel verlaufenden Straße liegt. Diese stört zwar manchmal den Blick, akustisch ist sie aber kaum wahrnehmbar. Bei Poljana wechseln wir durch den Privlaka - Kanal auf die Südseite und sind plötzlich inmitten des Marina von Mali Losinj, dem Hauptort der Insel. Teure Yachten wohin das Auge blickt. Die Katamaran-Fähre aus Ancona kommt uns entgegen. Jetzt schnell nach Süden abgebogen und noch zwei Buchten, dann haben wir unser heutiges Etappenziel, den Campingplatz Cikat erreicht. In Terrassen fällt das pinienbesetzte Gelände zum Meer ab. Nur die ersten zwei Ebenen sind noch (hauptsächlich mit Wohnmobilen) besetzt. 



Ruhetag: Wir liegen faul in der Sonne. Endlich kommt der mitgenommene Roman zum Einsatz. Bei 22 Grad baden wir im glasklaren Wasser. Foto- und Filmaufnahmen und ein abendlicher Bummel durch Mali Losinj stehen an. Mali Losinj, das alte Seefahrer- und Kurstädtchen bildet heute das Touristenzentrum der beiden Inseln. Die Flaniermeile um den Stadthafen herum, die vielen engen und teilweise steil ansteigenden Gassen, die Gärten voller exotischer Pflanzen und die laue Abendluft verstärken die Urlaubsstimmung. Zu denken gibt lediglich die Größe der Lokale und des Campingplatzes: in der Hochsaison wäre das nichts für uns.

Bei leichtem Gegenwind paddeln wir am nächsten Morgen mit kleinem Gepäck direkt der Sonne entgegen. Wir wollen den Ostzipfel von Losinj umrunden und einen Ausflug zur Nachbarinsel Ilovik unternehmen. In lichten Pinienwäldern verstecken sich einige Hotelanlagen. Später wird das helle Grün der Hochstämme durch das bekannte Dunkelgrün der Maccia kontrastiert. Ein Netz von Wanderwegen erschließt diesen Teil der Insel, der einige schöne Badestrände aufzuweisen hat. Auf direktem Weg steuern wir die kleine südliche Blumeninsel mit ihren 175 Einwohnern an. Hier machen die Ausflugsschiffe fest, die ihre Kunden auf der Flaniermeile von Mali Losinj eingesammelt haben. Das kleine Städtchen ist autofrei und nur dünn besiedelt. Wir bestaunen wild wachsende Wandelröschen, Bäume mit Granatäpfeln, Limonen, Apfelsinen und Johannisbrot. Bougainvillean und Salbei bestechen durch ihre kräftigen Farben. Als wir zwei Bäume voller reifer Granatäpfel fotografieren, bietet uns die stolze Besitzerin diese gleich zum Kauf an. Schnell sind einige rotgelbe Früchte gepflückt, in eine Nudeltüte verpackt und wechseln für 20 Kuna den Besitzer.



Wir passieren die Friedhofsinsel Sv. Petar und die Insel Kozjak. Auf der Nordseite gibt es kaum Anlandemöglichkeiten. Lediglich gegenüber der kleinen Insel Tiosaika bietet ein größerer Olivenhain die Möglichkeit einer Pause. Über Veli Losinj, das (ehemals) große Losinj, das in einer tiefeingeschnittenen Bucht liegt, nähern wir uns dem neueren Teil von Mali Losinj. Diesen gilt es noch zu umrunden, um durch den bekannten Kanal bei Poljana in den Marina von Mali Losinj zu kommen. Mit letzter Kraft und dem allerletzten Licht erreichen wir nach 35 Paddelkilometern unseren Ausgangspunkt.

Mit dem Bus legen wir am nächsten Morgen in einer Stunde die 55 km nach Cres zurück, um das Auto nachzuholen. Cres ist ein Touristenstädtchen par excellence. Kleine Geschäfte, Stände, Eisdielen und Cafés gruppieren sich um den inneren Hafen und den Marktplatz. Die bunten Holzboote der Fischer und viele Zeugnisse der 400jährigen venezianischen Herrschaftsperiode verleihen dem Ort eine sympathische mediterrane Atmosphäre und machen uns den Abschied schwer. Doch unsere Zeit für die Insel ist für dieses Jahr leider abgelaufen ....